Am 05.07.2018 und am 11.10.2018 fanden im Rahmen der ZMiR-Teamklausuren Werkstattgespräche zum ZMiR-Klartext „Evangelium und Indifferenz“ statt, zu denen wir verschiedene Menschen eingeladen haben, uns ihre Reflexionen zum Klartext und Gedanken zum Thema zur Verfügung zu stellen und zu diskutieren.

Die Texte vom 05.07.18 sowie die zusammenfassenden Mitschriften aus der Diskussion vom 11.10.18 sind im Folgenden dokumentiert.

 

05.07.18 – Philipp Elhaus, Leitender Referent Missionarische Dienste, Hannover: Kleine Response auf „Evangelium und Indifferenz“

 

1. Respekt!

Eine ausführliche Begriffsdefinition, die Einzeichnung in ein religiöses Feld mit erhellender Matrix unter Berücksichtigung aktueller religionssoziologischer Diskurse. Ein Schwenk auf die beiden soziologischen Referenzbegriffe Relevanz und Resonanz, systematische und praktisch-theologische Anknüpfungen unter dem Leitbegriff Kommunikation des Evangeliums mit christologischem Herzschlag und missio Dei-Dynamik. Kirchentheoretische Reflektionen, die sich am Netzwerkgedanken orientieren, Haltungen als Voraussetzung für angemessenes Handeln und schließlich beziehungsorientierte Anwendungen. Am Ende dann noch geistreiche Hinweise auf unterschiedliche biblische Geschichten, die ihrerseits „Pattern“ für den Umgang mit dem Thema bereitstellen. Und das alles auf 80 Seiten. Eine reiche Fundgrube mit einer Fülle an treffenden, bedenkenswerten Formulierungen mit analytischer Tiefe und theologischer Weite, Zukunftsausblicken und konkreter Methodik. Interdisziplinär im Gespräch von Soziologie und Theologie und dabei sehr handlungsorientiert. Und in Diktion und den Formulierungen klingt ebenso Interesse an den Gesichtern, die hinter dem komplexen Indifferenzbegriff vor das eigene innere Auge treten an wie Leidenschaft für das Evangelium, das dieses Interesse als Inhalt impliziert. Respekt!

Neben dem umfangreichen Handbuch „Kirche und Regionalentwicklung“ liegt hier ein zweiter Wurf aus dem ZMiR vor, der am Leitbegriff der Indifferenz (als heuristischer Begriff) den missionarischen Grundzug des Zentrums deutlich werden lässt und zeigt, wie sich eine Kirche in Teilhabe an der missio amoris dei in der Kommunikation mit „Indifferenten“ neu formatieren kann. Ein schönes deutsches Beispiel für eine mission-shaped church.

 

05.07.18 – Prof. Dr. Wilfried Härle: Wie, wodurch und worin kann das Evangelium für Indifferente als relevant erlebbar, erkennbar und erfassbar werden?

Im Folgenden sollen vier Themenaspekte bedacht werden, die aber kein abgeschlossenes Ganzes bilden.

1. Zum Begriff Indifferenz

Der Begriff Indifferenz ist unglücklich; weil er ein unbekannter, vieldeutiger, akademischer und künstlicher Begriff ist. Schlägt man ihn im Duden nach, so findet man als Erklärung „Gleichgültigkeit“. Stattdessen ist die Bedeutung „Unbestimmtheit“ zu bevorzugen, denn sie löst nicht so eindeutig negative Konnotationen aus.

Die Veröffentlichungen des ZMiR wollen vermeiden Indifferente aus der Perspektive eines Defizites zu betrachten, aber tatsächlich gibt es viele Menschen, die ihre Unbestimmtheit als defizitär empfinden. Der Titel „Indifferent? – Ich bin normal“ wirkt ungeistlich. Vielmehr sollten Menschen in den Blick genommen werden, die gerne glauben würden.

Unbestimmtheit kann als ein Zwischenzustand, als Ort der Suchenden betrachtet werden. Unsere Aufgabe ist es dann, Zeugen oder Bürgen zu sein. Als Zeuge aufzutreten heißt, etwas auf meine Aussage zu nehmen, im Wissen darum, dass ich mich auch irren kann. Dieses Zeugnis gibt suchenden Menschen die Möglichkeit zu prüfen, ob sie diesen Weg mitgehen können. Indifferenz als diffuser Sammelbegriff kann womöglich in diesem Zusammenhang als Wittgensteinsche Leiter dienen, die wir wegwerfen können, sobald wir darüber geklettert sind.

 

05.07.18 – Dekan Volker Pröbstl: Indifferenz und „Indifferente“*

Vorbemerkung

 Ich nehme die Thesen wahr als Dekan eines kleinen Dekanats am Rand der bayerischen Landeskirche. Wir haben hier „doch“ (nicht „noch“) eine Prägung durch volkskirchliche Strukturen. Aber gelebte Indifferenz ist uns hinreichend bekannt. Ich erlaube mir, einige Indifferenzthesen mit zwei typischen Indifferenten ins Gespräch zu bringen.  (Ich reformuliere sie dabei etwas verknappend.)

 

Gesine W. treffe ich beim Bestattungsgespräch. Ihr 89jähriger Vater ist verstorben. Sie kommt zu mir mit ihrem Ehemann. Beide wohnen in der benachbarten Mittelstadt. Sie ist Gymnasiallehrerin für Geschichte und Sozialkunde. Offen und freimütig erzählen sie vom Verstorbenen. Bei der Klärung des Trauergottesdiensts offenbart sie sich: „Ja, Herr Dekan, das ist ja Ihre Aufgabe, das mit der christlichen Hoffnung. Aber unsere Sache ist das nicht. Wir sehen das ganz rational. Aber Sie dürfen das schon machen!“

Karel B. muss ich am Konfi-Samstag anrufen. Sein Sohn Kevin-Joe ist nicht gekommen. Ich rufe an „Ja!?“ „Wir vermissen Ihren Sohn.“ „So, warum?“ „Wir haben heute Konfi-Tag.“ „Der schläft!“ „Ich komme in 20 Minuten vorbei um ihn abzuholen“ 20 Minuten später klingele ich. Altbauwohnung ,Erdgeschoss, vier Parteien. „Ach sie“ Karel öffne die Haustür. „Also, muss das sein. Nicht malam Wochenende hat man seine Ruhe. Was bringt das?“ Ich versuche es mit „Es ist wichtig für die Gruppe“ und „Wir machen ‘was Praktisches, wir schöpfen Papier“ Kevin-Joe erscheint hinter seinem Vater: Er trägt Jogging-Anzug – oder ist es der Schlafanzug. Er wird mitfahren.

 

05.07.18 – Dr. Hubertus Schönemann, Leiter der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz, Erfurt

Reaktion auf den ZMiR Klartext Evangelium und Indifferenz – Thesen – Haltungen – Praxisideen (2018), Werkstattgespräch am 5.7.2018 in Berlin

Mit dem vorliegenden Klartext bündelt das Team des ZMiR in beachtlicher Weise Diskurse und Kommunikationsstränge, die für längere Zeit die Fachkommunikation des Zentrums mit seinen Gesprächspartnern bestimmt haben. So wird der Terminus „Indifferenz“ zu einem heuristischen Aufhänger für eine beeindruckende Gesamtdarstellung einer missionarischen Theologie und Ekklesiologie mit Haltungs- und Handlungsoptionen. Insbesondere die Einbeziehung von sozialwissenschaftlichen Ansätzen (z. B. Relevanz und Resonanz, …) erfolgt auf einem hohen reflexiven Niveau; es werden aktuelle praktisch-theologische Diskussionsstränge wie die „Kommunikation des Evangeliums“ integriert. Als Grundlagenpapier und Standortbestimmung für die weitere Arbeit des ZMiR selbst sowie als Orientierungsfolie für Zielgruppen und Shareholder des ZMiR scheint mir das Dokument von hohem Wert.

 

11.10.18 – Pastor Hilmar Gattwinkel, Organisations- und Kommunikationsberater, Berlin

Der Text ist für mich interessant, informativ und inspirierend. Meine Anmerkungen fasse ich in drei Beobachtungsfelder und drei Hinweise zusammen:

1. Ein behutsamer und respektvoller Umgang mit dem Thema der Indifferenz ist angemessen und hilfreich. Aber die angestrebten rein neutralen Beschreibung verändern sich im Verlauf des Klartextes: Eine neutrale Haltung der Indifferenten (»ist mir egal«) wird im Verlauf in eine Handlung überführt (»Distanz wahren«). Werden die Indifferenten wirklich so (pro)aktiv? Auch die Binnendifferenzierung leuchtet mir nicht durchweg ein (vgl. »offene Indifferente« etc.). Wird hier den Indifferenten nicht doch eine heimliche Sehnsucht unterstellt? Oder braucht es das, um später Anschlussmöglichkeiten für kirchliches Handeln finden zu können?

 

11.10.18 – Vizepräsident Dr. Thies Gundlach, Hannover

Die Untersuchung „Evangelium und Indifferenz“ ist solide Arbeit in der Suche nach Antworten im Umgang mit dem Phänomen, dass mehr Individualisierung zu weniger Anknüpfungspunkten führt. Wir müssen wahrnehmen: Unser Thema interessiert nicht alle. Viele können wertvoll, anständig und zufrieden leben ohne religiöse Haltungen. Und wir können und dürfen dies Phänomen nicht defizitär beschreiben.

 

11.10.18 – Prof. Dr. Gerhard Wegner (Direktor Sozialwissenschaftliches Institut der EKD, Hannover)

Die 70%-Anteil der Indifferenten aus der Einführung  haben mich überrascht. Ebenso wie die Fokussierung auf Indifferenz beim ersten Lesen des Heftes, weil innerhalb KMU die Frage zunächst bestritten wurde (man kann nicht gegenüber existentiellen Fragen indifferent sein). Das ist bis heute auch unbeantwortet (Indifferenz ist auch eine religiöse Kategorie). Was mir näher liegt, ist die Kirchenmitgliedschaft aufzuteilen nach Verbundenheitsgraden. Danach fielen 10-15 % unter die Kategorie Indifferenz. Ebenso sind ca. 15% hochverbundenen und bis 45% Sympathisanten, die in einer Resonanzbeziehung zu Gemeinden oder Kirche allgemein stehen. Die anderen sind klassisch distanziert, aber nicht indifferent. Die 45% sind die interessanteste Gruppe, sie sind in Beziehung, brechen aber weg, wenn man sich nicht um sie kümmert. Für mich sind die Indifferenten als Herausforderung weniger interessant. Die 45% sind wichtiger, weil die Beziehungen zu ihnen ausbaubar sind. Aber wenn 70%  Indifferente dazu gehören, verschiebt sich das Bild.