Heraus aus der Milieugefangenschaft von Kirche

Die Forderung nach frischen Formen für die Kirche von heute ist Resultat einer sozialwissenschaftlich reflektierten Wahrnehmung der Gesellschaft, in der Kirche und als deren Teil Kirche lebt. Die Kirche hat Teil an der Fragmentierung und Segmentierung der Gesellschaft, die sich in ihr fortsetzt. Um den Menschen Heimat zu bieten, die in modernen und prämodernen Lebenswelten situiert sind, muß sie Formate von Kirche finden, die der Logik dieser Lebenswelten entsprechen und deren Gestalten an ihnen teilhaben. Moderne Milieu- und Mentalitätsforschung einerseits und die Suche nach fresh expressions entsprechen einander.
Wir erleben einen sehr tiefgreifenden Wandel der Gesellschaft, der sich auch in einem Wandel sozialwissenschaftlicher Forschung niederschlägt. Während früher unsere Gesellschaft übersichtlich aufgebaut war und in Schichten („Klassen“ etc.) zu beschreiben war, reicht heute diese „objektive“, auf Herkommen und Auskommen, Bildungs- und materielle Ressourcen abhebende Perspektive nicht mehr aus. Die moderne Soziologie ist Lebensweltwissenschaft geworden, die den Begriff des Milieus in in den Mittelpunkt gestellt hat. Sie hebt damit ganz wesentlich ab auf subjektive Faktoren: auf die Art, wie Menschen im Alltag leben, welche Einstellungen sie bestimmen; wie sie mental ticken. Erhoben wird dies an Parametern, die absolut lebensnah sind: Wie sieht das Konsumverhalten aus, wie der Mediengebrauch, welche Musikvorlieben gibt es, wie verbringen Menschen ihre Freizeit. Es kristallisieren sich drei Mentalitäten heraus, die man ohne zu werten abgekürzt als modern (kritisch-rational orientiert), prämodern (traditionsorientiert) und postmodern (pluralistisch orientiert) ansprechen kann. Kombiniert man die genannten objektiven mit diesen subjektiven Faktoren ergibt sich die bekannte Landkarte der Lebensweltsegmente, vulgo „Kartoffelgraphik“, wie sie das Heidelberger Sinus-Institut ständig seit drei Jahrzehnten ständig weiter entwickelt. Sinus unterscheidet 10 unterschiedliche Lebenswelten (Milieus). Mehrere Kirchenstudien haben gezeigt, daß Kirche allenfalls Menschen aus 2 1/2 dieser 10 Milieus erreicht. „Erreicht“ meint: sie ist von Bedeutung für die Lebensgestalt von Menschen; „erreicht“ meint nicht: gelegentliche Kontakte, deren pastoraltheologische und missionarische Bedeutung nicht bestritten werden soll, aber auch nicht überschätzt werden darf („wir erreichen doch alle“).
Genau dieser empirisch abgestützte Blick der Sozialwissenschaft bedeutet für eine Kirche, die missionarisch sein will, eine Sehhilfe, um ihre eigenen „blinden Flecken“ zu identifizieren. Die ständig aktualisierte Milieuforschung kann darüber hinaus mit ihren Milieuerkundungen wertvolle Hinweise darauf geben, wie die Logiken der jeweiligen, so differenten Lebenswelten aussiehen und wie man Menschen in den unterschiedlichen Milieus erreichen und auch wie man sie wirksam verprellen, ausschließen kann.
Das EKD-Zentrum für Mission in der Region arbeitet mit den unterschiedlichen Ergebnissen der Milieuforschung (z.B. denen des Sinus-Forschungsinstitutes).



„Die Theologie wäre ... herausgefordert, ‚Communio’ neu – komplexer — zu denken und auf die Kirche insgesamt zu beziehen.“
Michael N. Ebertz

„Wir wollen dem Volk aufs Maul schauen, aber wir hören nicht, was es sagt. Das ist geistlich besorgniserregend. Denn wir kennen den Kummer vieler Menschen nicht und auch nicht ihre Freude. Wir ahnen die Zweifel nicht, die sie in sich tragen, aber auch ihre Glaubensfestigkeit ist uns fremd. Wir würdigen das Engagement der Eliten nicht und sind sprachlos gegenüber den Ausgeschlossenen an den Rändern der Gesellschaft. Milieugrenzen zu überschreiten, ist der Kirche der Freiheit aufgegeben.“
Wolfgang Huber

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