1. Wozu regt Sie das 9. Kapitel an?
Den Blick verstärkt auf Visionen richten!
Das Kapitel zeigt, wie hilfreich es ist, sich von einer Vision oder einem Leitbild inspirieren zu lassen, um von daher machbare Ziele abzuleiten und diese erst danach in Arbeitsschritte umzusetzen. Ohne Visionen und Ideen keine Handlungsorientierung!
Ohne Motivation und Leidenschaft entsteht keine Energie für Veränderungsprozesse!
Begeisterung und  Motivation für eine gemeinsame Sache sind notwendig, um einen Veränderungsprozess nicht nur zu verwalten, sondern mit Herz und Verstand voranzutreiben und zu gestalten.  Das verdeutlicht das Kapitel anschaulich. Motivation ist zu Beginn entweder bereits vorhanden oder braucht glaubwürdige und begeisternde Anlässe, um geweckt zu werden.
Vorhandene Stärken und Ressourcen sind für die (kirchliche) Regionalentwicklung unabdingbar!
Das Kapitel legt sich fest: Stärken und Ressourcen in einer Region sollten im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, um ein  Bild für die Zukunft zu entwerfen, nicht Einsparungen und Strukturmaßnahmen. Das leuchtet sofort ein. Denn nur eine ressourcenorientierte Regionalentwicklung ermöglicht es, Chancen und Möglichkeiten für einen Veränderungsprozess aufzuzeigen, statt nur die Defizite und die Risiken zu sehen.
Gabenorientierung ist wirkungsvoll!
Das Kapitel zeigt: Wer bei den Qualifikationen und Interessen der kirchennahen und kirchenfernen Akteure in einer Region ansetzt, der kann eine Vielzahl von verschiedenen Fähigkeiten zum Einsatz bringen. Wenn diese Prozesse transparent eingeführt und kompetent begleitet werden, dann wird aus Konkurrenz Zusammenarbeit und aus Betroffenheit aktive Beteiligung.
Der Gewinn von Regionalentwicklung muss erfahrbar sein!
Wenn der Mehrwert von kirchlicher Regionalentwicklung in einfacher und nachvollziehbarer Sprache und konkreten Beispielen benannt werden kann, dann steigt die Motivation, sich auf solche Prozesse einzulassen. Darauf weist das Kapitel zurecht hin. Wichtig ist, dass die Beteiligten diesen Mehrwert selbst erleben. Beispielsweise indem sie wahrnehmen, dass es in einer Region einfacher ist, das kirchliche Angebot stärker bedarfsorientiert auszudifferenzieren und Schwerpunkte zu setzen, als wenn eine Kirchengemeinde allein dafür verantwortlich ist.
Über den eigenen Tellerrand schauen!
Das Kapitel ermutigt die Leser_innen, über den eigenen (kirchlichen) Tellerrand zu schauen, topografische und sozialräumliche Informationen über die Region in Erfahrung zu bringen und für die Zusammenarbeit mit anderen kirchlichen und außerkirchlichen Akteuren nutzbar zu machen. Dadurch können die eigenen Besonderheiten und Stärken genauso wie die eigenen spezifischen Wünsche und Bedarfe genauso sichtbar und besprechbar gemacht werden wie die der Nachbarn und des regionalen Umfelds. Diese Informationen können für eine regionale und ressourcenorientierte Zusammenarbeit fruchtbar gemacht werden.
Widerstände ernst nehmen!
Das Kapitel zeigt aber auch, dass es Widerstände und Skepsis gibt gegenüber der kirchlichen Regionalentwicklung. Es ist nötig, Sorgen und Ängste ernst zu nehmen und sich dafür Zeit zu lassen. Ziel ist es, mit den Betroffenen gemeinsam Schritte zu entwickeln, die den Prozess verlangsamen, die Widerstände berücksichtigen und Bedenken ausräumen. Letztere sind immer auch ein wichtiger Gradmesser für Unausgegorenes oder Unklares, die Nachjustierungen und Planungsänderungen notwendig machen.
Regionalentwicklung ist gewinnbringend und kann Spaß machen!
Das Kapitel zeigt mir vor allen Dingen, dass (kirchliche) Regionalentwicklung ein hilfreiches Entwicklungsinstrument ist. Wenn Ausgangssituation, Ziele und Bedarfe klar sind und Prozesstransparenz und Beteiligung gesichert sind, kann es viel Spaß machen!

2. Was ist weiterhin ungeklärt?
Offen bleibt für mich, wie eine „missionarische Haltung“ in der kirchlichen Regionalentwicklung eingeübt und eingenommen werden kann. Die Autor_innen schreiben, dass eine missionarische Haltung durch Respekt, Achtsamkeit, Begeisterungsfähigkeit und Gastfreundschaft getragen ist und nicht durch Enge, Druck oder Überredungskraft. Dem stimme ich ohne Abstriche zu. Gleichwohl sehe ich, dass der Begriff „Mission“ kirchengeschichtlich problematisch ist und auch gegenwärtig immer noch ambivalent besetzt ist. Die Autor_innen postulieren, dass eine „ehrliche und gewinnende missionarische Grundhaltung (eine) vom Geist Gottes gedeckte Ansteckungskraft“ (372) entwickelt. Das klingt spannend, erschließt sich für mich aber nicht zwingend. Mehr kann ich damit anfangen, wenn die Autor_innen konkretisieren, dass dies durch Gastfreundschaft, aufsuchende Gespräche, Glaubwürdigkeit und Beziehungsaufnahme gelingen kann. Dennoch, meine Erfahrungen mit dem Begriff Mission sind schwierig. Der Begriff ist missverständlich und braucht viel Sensibilität, fundierte Kenntnis über den kirchengeschichtlichen Missbrauch des Begriffs und Sorgfalt im Gespräch darüber. Hier sehe ich noch Bedarf, wie solche Gespräche konkret moderiert und begleitet werden können. Auch für die Einübung in eine „missionarische Haltung“ im Kontext der (kirchlichen) Regionalentwicklung sehe ich noch Bedarf für konkrete Beispiele und Hilfestellung.

3. These zum Kapitel
Kirchliche Regionalentwicklung ist ein strategisch geplanter Entwicklungsprozess, der eine kirchliche Region inhaltlich, geistlich und strukturell neu bestimmt und weiter entwickelt. Ziel ist eine profilierte und ausstrahlungsstarke kirchliche Region, in der Kirchengemeinden und regionale kirchliche Akteure in einer Region gemäß ihrer Stärken und Bedarfe zusammenarbeiten und sich in ihrer Arbeit gegenseitig befruchten und unterstützen. Das Kapitel macht Lust, genau dieses zu tun!

Dr. Kerstin Söderblom
Studienleiterin im Ev. Studienwerk Villigst, Schwerte