Wozu regt Sie dieses Kapitel an? Was löst es bei Ihnen aus? Was ist offen, weiterhin ungeklärt?
Ich betrachte beide Fragen zusammen, weil es in jedem Abschnitt anregende Teile gibt – und ich trotzdem ergänzende Anmerkungen oder Mehrbedarf aufzeigen kann.

Zu 7.1.: Was mir gefällt: die klare Begriffsunterscheidung zwischen Ehrenamt und  bürgerschaftlichem Engagement in den verschiedenen Kontexten
Unter  1. Für eine Wiederentdeckung der Reformation habe ich wenige Textbelege der Reformation gefunden, die das belegen – einige Bibelstellen …. Dann Barmen (was viel später war), aber andere Epochen der Kirchengeschichte mit Auswirkungen auf das Engagement und den gelebte Glauben habe ich völlig vermisst: Pietismus und Aufklärung  zum Beispiel.
Insgesamt erscheint mir der ganze Abschnitt sehr aus der Perspektive des Hauptamtlichen geschrieben und gedacht: Wie liest das wohl ein Ehrenamtlicher?
Der Exkurs enthält so fundamental wichtige Einsichten und Argumente, dass es schade ist, dass er hier nur als Kurzzitat zu 9.7. erscheint. Für die Bedeutung des Priestertums aller Glaubenden sind Charismen- und Ämterlehre DIE entscheidenden Zweige der Theologie – und ergeben Schlüsselentscheidungen für alle Beteiligungsfragen….
Bridging und bonding fand ich sehr anregend.
Unter 2. finden Leser eine gute, knappe und schlüssige Zusammenfassung der derzeitigen Studienergebnisse, dazu gebündelte Argumentationen, Tendenzen und pointierte Fragestellungen.
Was mir sehr fehlt, sind die Einflüsse, die die regionale Kirchengeschichte auf das Engagementverhalten haben (in Thüringen hat die Aufklärung andere Spuren hinterlassen als der Pietismus in Württemberg, oder: Die lange Geschichte der Kleinstaaterei und des landesherrlichen Kirchenregiments haben Auswirkungen auf den Widerspruchsgeist der Ehrenamtlichen gegenüber Hauptamtlichen – ebenso wie die frühe Trennung von Staat und Kirche in Preußen die Eigenständigkeit offensichtlich gestärkt hat.
S. 274 oben: Aauch die „Gesamtstimmung“ wirkt dämpfend oder anregend (in Abwanderungsregionen depressiv, – was soll ich noch tun, wenn hier eh keiner mehr bleiben will bzw. die anderen machen alle, da müssen wir auch mal mitmachen).
Es fehlt mir auch die Bedeutung, die kommunikationsstarken und integrierend wirkenden Einzelpersonen zukommt (Toleranz einüben, Neues probieren, Fehler machen dürfen, Zugezogene einbeziehen usw.) Ich halte sie im ländlichen Bereich für DIE entscheidenden Kristallisationspunkte und Motoren/Motivatoren für das Engagement vieler „Mitmacher“. Sie bewahren vor Engführung, geben Sachorientierung (vs private Vorlieben) – wer sie „hat“, da werden Ehrenamtliche aktiv bleiben oder zunehmen. Die notwendigen Bemühungen um das Ehrenamt kann ich  nur unterstreichen (auch sonst sind lauter wichtige, richtige Sachen beschrieben, die aber für mich nicht neu und deshalb hier nicht genannt sind.)

Unter 3. Sehr gut und klar formuliert: Ehrenamt entsteht und ist gebunden an Gemeinde vor Ort. Dabei wünsche ich mir, dass die Ehrenamtlichen in den Gemeindeleitungen mehr Erwähnung und Wertschätzung bekommen. (In der EKD gibt es zwar das Ehrenamt im Bereich „Gesellschaftliche Verantwortung“, aber keinen Bereich, wo die Gemeindeleitungen die ihnen zustehende Aufmerksamkeit und Förderung bekommen). In Regionalisierungsprozessen zeigt sich immer wieder, dass sie Engagement fördern –  wandert die Verantwortung mit den Gremien in die nächst höhere Ebene (Region) ab, lässt meist auch das Engagement nach.
Sehr anregend fand ich die Beschreibung des Einflusses von Verbänden und Gemeinschaftsbewegung. Das war mir gar nicht so bewusst – die Vereinzelung der Christen im Osten (und vielleicht auch der Druck unter dem beide standen + jetzt bei der Nachwuchssuche noch stehen), hat daraus oft auch Konkurrenz entstehen lassen (Heimlich: wir machen das besser/sind die besseren Christen;  Mitglieder aktiv abwerben).
Unter 4.: Letzter Abschnitt: das ist die Frage nach Henne und Ei. Ich beobachte, dass bei den Mitgliedern der Glauben das Engagement motiviert. Bei allen anderen ist der Glauben eher ein Hemmnis mitzumachen, aber die Beschäftigung mit Sinnfragen des Lebens findet hohes Interesse. Es gibt wenige gesellschaftliche Organisationen, in denen so offen und tiefgehend über Hoffnung, Zweifel, Vertrauen, Würde, letzte Fragen usw. gesprochen werden kann wie in der Kirche. Im Engagement komme ich als Ehrenamtliche immer wieder mit solchen Fragen in Berührung, kann sie für mich bewegen, kann andere befragen oder zuhören…. Das ist ein hoher eigener Gewinn in einer Gesellschaft, die solche Themen eher tabuisiert hat.
Es besteht ein Wechselspiel  im gegenseitigen Fördern zwischen Kirchenbindung und Engagement: Kirchenbindung fördert Engagement – Erfahrungen im Eengagement erhöhen aber auch Kichenbindung!
Unter 5: Gemeinde als Netz – JA! Sehe ich auch so!
Bei den Anstrichen würde ich noch zwei hinzufügen:
Ehrenamtliche, die sich auf regionaler Ebene austauschen und wechselseitig beraten können, werden dadurch enorm gestärkt in ihrer Eigenständigkeit, Rollenklarheit, Fachlichkeit, Entscheidungskompetenz und empfinden das oft als Wertschätzung ihrer Arbeit.
Regionale Zusammenarbeit im Ehrenamt mildert die Nachteile einer (im ländlichen Raum) immer noch anzutreffenden „Enge“ (starke Sozialkontrolle) und ermöglicht/erleichtert neue Rollenübernahmen (bricht die festgeschriebenen Rollen-Zuweisungen auf).

Zu 7.2.: Stimme dem Text mehr oder weniger voll zu, habe nur einige Ergänzungen:
Alle Gruppen von Hauptamtlichen und vor allem das Pfarrbild brauchen eine Aufgabenkritik und eine Schwerpunktsetzung: Sollen sie Mitgliederpflege und- gewinnung betreiben oder sind sie zu allererst Mitarbeiter einer Religionsbehörde (die ihre Regeln und Verfahren hat)? Der Unterschied wird deutlich, wenn es um eine Kasualie  geht.
Pfarrerinnen haben manchmal vergessen, dass sie mit Mitteln der Gemeinde von anderen Arbeiten freigestellt werden zur Verkündigung … sie müssten sich dabei weniger als die lange mühevoll ausgebildeten Spezialisten ihres Faches verstehen, sondern mehr als die Trainer, die ihre Spieler zum Spielen (miteinander, nicht solo) fit machen.
Wenn man dazu noch die Charismenlehre ernstnimmt, braucht es Gestaltungsfreiraum für die Mitwirkenden in den Gemeinden (HA+EA) – es werden  dann auch sehr verschiedene Gemeinden entstehen – ob das der Institution passt?
Der Kasten auf S. 284: Sie sollten alle bei der Landeskirche angestellt sein – bei den Pfarrern ist es egal (wenn sie verbeamtet sind). Bei den angestellten Mitarbeitenden der verschiedenen Berufe sollen die  Dienstzeiten von einem Kirchenkreis zum anderen zwar angerechnet werden, passiert aber nicht immer. Wechsel sind nötig! Übergemeindliche Stellen sind außerdem nur befristet – und dann? Habe erlebt wie eine Kollegin so plötzlich keine Stelle mehr hatte und die Kirche keine Notwendigkeit sah, sie zu „versorgen“.
Toll, klar, klasse, wie das Zusammenwirken der Kollegen beschrieben ist. Ja …. Und trotzdem fehlt mir da noch etwas der Energieeinsatz für das reibungslose Arbeiten. Konfliktpotentiale lauern nicht nur in+zwischen den Beteiligten, sondern liegen auch in den Zuschreibungen, die von außen an die Kolleg/innen herangetragen werden.  Oft scheitert es an ursprünglich kleinen Missverständnissen … es braucht prozessbegleitende Gesprächszeiten, Supervision, Intervision, moderierte Teamsitzungen o.ä.
Gut: Mehrwert der Berufe im Vergleich zum Pfarrberuf! Mutig! Das so deutlich zu sagen. nach den Debatten der letzten Jahre ist das wohl jetzt dran!

Zu 7.3.: Die Unterscheidung von Beteilgten und Betroffenen fand ich im ersten Moment verwunderlich, aber dann sehr hilfreich (auch wenn die Beteiligten natürlich auch Betroffene sind).
Damit Betroffene sich beteiligen – und Beteiligte nicht in Macht- oder Tabu-Spiele abgleiten – ist eine gemeinsame Fragestellung/Zielvorstellung hilfreich, wo es hingehen soll, z.B .:Wie kann Glauben in ihrer Region (in den unterschiedlichen Orten ihrer Region) lebendig bleiben/werden? (Siehe erste Anwendung).
Für die vielen schönen Beispiele, die bei den Betroffenen als mögliche Veranstaltungsformate genannt sind, habe ich sofort an die Gemeindeberatung gedacht – sowas machen wir oft und es wäre noch öfter nötig, aber: das braucht Zeit der Ehrenamtlichen und Kapazitäten der GBOE.

3. Sie planen zum Thema des Kapitels ein Seminar. Mit welcher Frage steigen Sie ein?
Würde mich spezifisch in Bezug auf die Situation der Teilnehmenden vorbereiten, vielleicht mit einer Frage einsteigen:
Wie kann Glauben in ihrer Region (in den unterschiedlichen Orten ihrer Region) lebendig bleiben/werden? Was braucht es dazu in ihrer Region? Wer muss an Überlegungen dazu beteiligt werden? Wie können die Menschen (im Sinne Betroffene) gut einbezogen werden?
Vielleicht auch: eine Region in guter Balance (halten) … und damit die vielen Wirk-Dimensionen und Ungleichgewichts-Möglichkeiten andeuten … von da aus schauen, was DIESE Region ausmacht und was sie braucht.

Claudia Neumann
Amt für Gemeindedienst, Neudietendorf