Zuerst einige allgemeine Bemerkungen zum Buch als Ganzes.
Sowohl als Gemeindepastor wie auch in meiner jetzigen Tätigkeit als Propst versuche ich nach Kräften, regionale Zusammenarbeit, Vernetzung oder Zusammenschlüsse zu unterstützen. Insbesondere habe ich den Zusammenschluss zweier Kirchenkreise über mehrere Jahre als amtierender Propst mit gestaltet. Daher finde ich das Anliegen, mit einem Handbuch eine Übersicht über verschiedene Dimensionen solcher Prozesse zusammenzutragen sinnvoll. Zugleich ist dies jedoch ein sehr ambitioniertes Projekt. Die einzelnen Kapitel des Buches versuchen, die verschiedenen Dimensionen struktureller Veränderungsprozesse genauer darzustellen. Da es in der Praxis jedoch sehr verschieden ist, um welche Prozesse es jeweils geht, wird es für Leserinnen und Leser unterschiedlich sein, mit welchen dieser Kapitel sie „etwas anfangen“ können und mit welchen nicht. Insofern vermute ich, dass dieses Buch voller Details steckt, von denen potentiell jede kleine Einzelheit in bestimmten Situationen ausgesprochen erhellend und hilfreich sein kann. Im Umkehrschluss bedeutet dies allerdings auch, dass vieles Andere beim Lesen abstrakt und theoretisch erscheint – auch wenn ich sicher bin, dass hinter jedem einzelnen Abschnitt sehr viele Erfahrungen stehen.
In den Veranstaltungen, die ich vom ZMiR besucht habe, waren mir die durch Beispiele anschaulich gemachten Hinweise zu regionalen Identitäten immer besonders wichtig. Dort wurde immer auf die Bedeutung der „gefühlten Zusammengehörigkeit“ hingewiesen. Bei der Lektüre des Buches ist dieser für mich besonders wichtige Aspekt natürlich nur einer von vielen. Dies illustriert, dass die Lektüre eines solchen Buches möglicherweise weniger bewegen kann als die direkte Kommunikation mit Menschen, die regionale Entwicklungsprozesse zu gestalten haben.
Die Zusammenstellung der theoretischen Aspekte ist insgesamt sehr breit und umfassend. Für mich besonders wichtig ist mein „Lieblingsthema“, der Hinweis auf die Milieusegmentierung in Kapitel 2.7.
Eigens erwähnen möchte ich Kapitel 5, das meiner Meinung nach etwas aus dem Ganzen herausfällt. Die darin zusammengestellten Hinweise auf „fresh expressions“ sind sehr interessant und inspirierend. Allerdings werfen sie ein ganz anderes Licht auf regionale Entwicklungsprozesse als die sonstigen Kapitel. Nach meiner Erfahrung werden Prozesse der Strukturveränderung in aller Regel eingeleitet, um auf Krisen oder problematische Gesamtlagen zu reagieren. Daher erscheint es mir ein wenig theoretisch, wenn der Eindruck erzeugt wird, regionale Entwicklungsprozesse wären im nennenswerten Umfang von dem Wunsch nach neuen Ausdrucksformen kirchlichen Lebens geleitet. Dieser Hinweis von mir klingt sehr ernüchtert und ernüchternd. Tatsächlich entspricht es so aber meiner Erfahrung. Ich habe den Eindruck, dass inhaltliche Innovationen viel besser dort entstehen, wo innerhalb bestehender Strukturen auf nachlassende Kraft oder zurückgehenden „Erfolg“ reagiert wird. Insofern sind feste und bleibende Strukturen meiner Meinung nach besser für inhaltliche Erneuerung geeignet.
Dies führt zu einer weiteren grundsätzlichen Frage. Oft resultieren Strukturveränderungen aus der Einsicht, dass es so, wie es war, nicht weitergehen kann. Daher schwingt bei solchen Prozessen immer Trauer und Enttäuschung über den Verlust von bisherigen Arbeitsformen und Strukturen mit. Das aber verbindet sich oft mit Kränkungen für oder bei Personen, die sich mit bisherigen Strukturen identifiziert und diese verantwortlich gestaltet haben. Insofern trifft das Anliegen des gesamten Buches, zu regionalen Entwicklungsprozessen zu ermutigen, nach meiner Erfahrung sehr weitgehend auf Personen, die zunächst einmal zu solchen Prozessen überhaupt nicht motiviert sind, sondern diese als betrüblich empfinden. Dies dürfte ein grundsätzliches Problem für die Aufnahme des Inhalts dieses Handbuchs darstellen.

Frage 1: Wozu regt Sie dieses Kapitel an? Was löst es bei Ihnen aus?
Zunächst eine allgemeine Bemerkung: Ich fühle mich beim Lesen dieses Kapitels wie bei der Lektüre eines Gesundheitsbuches oder der „Apotheken-Rundschau“. Man liest lauter gute Ratschläge und denkt darüber nach, dass es gut wäre, sie zu beherzigen. Zugleich spürt man auch, dass dies nie in vollem Umfang gelingen wird. Aus diesem Grund wirken diese Ratschläge – und die in den Gesundheitszeitschriften stets dazu abgebildeten gesunden und fröhlichen Menschen – immer auch ernüchternd: So perfekt bin ich nicht. So ähnlich ging es mir bei der Lektüre dieses Kapitels. So umfassend „richtig“ wie dieses Kapitel es zusammenstellt, kann man es gar nicht machen. Insofern kann dieses Kapitel als abstrakt, allgemein, möglicherweise auch als besserwisserisch empfunden werden.
Angenehm und entlastend an diesem Kapitel ist jedoch, die eigenen Erfahrungen dort in größeren Zusammenhängen wiederzufinden. Ich vermute, dass viele Leser/innen bei der Lektüre dieses Kapitels erkennen, dass Probleme, die sie selbst haben, nicht nur durch eigenes, als unzureichend empfundenes Verhalten verursacht werden, sondern in der Natur eines solchen Prozesses liegen. Das ist eine gute und sicherlich beabsichtigte Wirkung dieses Abschnitts. Insofern kann es auch wohltuende Entlastung bewirken: Andere haben sicher die gleichen Probleme wie ich.

Frage 2: Was ist für Sie offen, weiterhin ungeklärt?
Bei fast jedem Unterkapitel hat mir ein Hinweis auf die Bedeutung der jeweils leitend handelnden Personen gefehlt. Insbesondere fehlten mir Hinweise auf
den oben bereits erwähnten „Ausgangsschmerz“ derer, die – oft gegen ihren Willen – regionale Entwicklungsprozesse gestalten müssen,
die Bedeutung von Vorgeschichten und eigenen Interessen handelnder Personen,
sowie Übertragungen, denen einzelne Personen ausgesetzt sind („der will doch nur … durchsetzen“),
und das immer wieder auftauchende Verhältnis von „alt gedienten“ zu neu hinzugekommenen Personen.
Zusätzlich erlaube ich mir noch einige hinweise zu den Unterabschnitten:
Sehr wichtig finde ich den Hinweis auf den Beginn eines Prozesses und den Stil der darin deutlich wird (6.4). Der Hinweis auf breite Beteiligung ist sehr wichtig.

Das Plädoyer des Abschnitts 6.5 für umfassende Kommunikation wirkt auf mich besonders stark nach „ärztlichem Ratschlag“. Nirgends wird die Kommunikation so umfassend gelingen, wie es hier dargestellt wird. Schwierig ist insbesondere, die Arbeit der zuständigen Gremien zugleich vertrauensvoll (und das heißt eben manchmal auch: vertraulich) zu halten, und zugleich transparent zu sein. Diese Gestaltungsfrage hat sich in unseren Prozessen immer wieder gestellt – und dafür habe ich in diesem Kapitel wenig Hilfreiches gelesen.
Ich habe es in Prozessen, in denen Menschen miteinander arbeiten mussten, die einander bisher wenig kennen, immer als sehr hilfreich erlebt, wenn man einander von den „geistlichen Biographien“ erzählt. Dadurch vertieft sich das Gefühl gemeinsamer Verantwortung für die Kirche. Insofern liegt mir die Bedeutung des Redens über den eigenen Glauben auch in Strukturprozessen sehr nahe. Andererseits finde ich die Art und Weise, wie im Kapitel 6.6 zu einem Dialog über geistliche Ressourcen aufgerufen wird, als reichlich übertrieben. Wenn so etwas in größeren leitenden Gremien geschieht, habe ich es durchweg eher als Verflachung der geistlichen Dimension empfunden und als „kirchlich-ideologische Sahne“, die über die zu diskutierenden Fragen gegossen wird. Einen solchen Eindruck hat auch dieses Kapitel bei mir vermittelt.
Der Abschnitt 6.8 wirkt „richtig“ und dennoch fern der Realität. Es scheint unterstellt zu werden, dass Strukturveränderungen von Ideen des Besseren geleitet seien. Oft aber ist es (s.o.) nur das Nicht-mehr-Funktionieren des Bisherigen, das zu dem Prozess führt. Daher werden die in diesem Kapitel als so bedeutsam beschriebenen „Willigen und Fähigen“ immer dem Verdacht ausgesetzt sein, dass Bisherige gering zu schätzen.
Den in Kapitel 6.10 gemachten Hinweis auf die Mehrdimensionalität von Sichtweisen und Strategien empfand ich als hilfreich.
Der Hinweis auf die „weichen Faktoren“ in Kapitel 6.11 spricht mir aus dem Herzen.
Und der Hinweis auf Netzwerke in Abschnitt 6.13 weist auf das bereits erwähnte Problem der Steuerung durch legitimierte Gremien hin. Die Schwierigkeit dieser Aufgabe wird im Blick auf das in diesem Kapitel Beschriebene sogar noch größer.

Frage 3: Sie planen zum Thema des Kapitels ein Seminar. Mit welcher These steigen Sie ein?
Mir fällt ausgesprochen schwer, auf diese Frage zu antworten. Am ehesten würde ich als Überschrift einer Arbeitsphase über dieses Kapitel nennen: „Guck mal, was man alles falsch oder richtig machen kann!“ Oder, wie als Aufgabe gestellt, als These: „Alles richtig machen kann keine/r.“
Aber im Ernst: Ich würde dieses Kapitel am ehesten verwenden zur „Zwischenreflexion“ in bereits laufenden Prozessen. Es kann helfen, auf Teilprozesse zurückzublicken und, bevor es weitergeht, um möglicherweise bisher „Unbeachtetes“ in den Blick zu nehmen.

Ich hoffe, mit diesen Hinweisen eine qualifizierte Rückmeldung eines „Praktikers“ zu verschiedenen Aspekten gegeben zu haben. In jedem Fall steckt unglaublich viel Arbeit und Erfahrung in dem Handbuch. Ich kann nur hoffen, dass die Menschen, die für ihre Aufgaben auf diese Erfahrungen angewiesen sind, daraus einen guten und hilfreichen Nektar saugen.

Thomas Lienau-Becker
Propst des Kirchenkreises Altholstein, Kiel