„Das regionale Netz des Evangeliums spinnen“ … wer das fünfte Kapitel des Handbuches Kirche und Regionalentwicklung aufschlägt, findet sich weder im regionalen Handarbeitskreis noch in die Runde der hipppen Zukunftsspinner wieder. Wobei der Untertitel „gemeinsam in aller Verschiedenheit“ in diesem Fall ein sowohl als auch nahe legen könnte. Das wäre dann wirklich eine milieuübergreifende Variante kirchlicher Zukunftsarbeit: eine Spinnstube mit innovativen Handcraft-Elementen. Und damit bin ich schon mitten beim zentralen Thema des Kapitels: das Verhältnis von traditionellen und neuen Formen von Gemeinde. Diese Relation wird aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet, variiert und immer wieder neu ausbalanciert. Ob Fresh Expressions, Milieutheorie, mentale Orientierungsmuster oder Kirchenmitgliedschaft – jeder Begriff steht für einen neuen Zugang, eine neue Balanceübung, die jeweils in ein Plädoyer für eine gute Mischung, eine „mixed economy“ unterschiedlicher Gemeindeformen in der einen Kirche mündet. Reflektiert, facettenreich, mit weitem Horizont – den Formulierungen merkt man an, dass der Autor in den unterschiedlichen Diskursen zuhause ist und die zahlreichen Wenns und Abers nicht nur mithört, sondern auch produktiv verarbeitet  hat – selten habe ich auf engem Raum eine solche Fülle an Informationen erhalten. So werden allein 9 Fragenbündel für den Transfer der Fresh Expressions of church aus England für den deutschen Kontext präsentiert und damit alle kritischen Anfragen aufgenommen, die mir jemals begegnet sind. Kein Zweifel, dieser Transfer ist ein frag-würdiger, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber droht hier die Relevanz und Würde des Anliegens  nicht in der Fülle der Fragen zu verschwinden?
Das Evangelium – so die für mich unausgesprochene Grundthese des Kapitels  – setzt aus sich selbst unterschiedliche Kommunikationsgestalten und Sozialformen frei. Daher wundert es nicht, dass Kirche am anderen Orten kein neues Phänomen ist und das parochiale Netz und die Ortsgemeinde nicht infrage gestellt, sondern vorausgesetzt werden (178). Neu und frisch sind also keine Qualitätsmerkmale an sich, sondern Attribute, die eine wichtige Ergänzung des Bewährten anzeigen und sich an ihm begründen müssen. „…wer Frisches will, muss Bewährtes anerkennen und auf der Basis des Erreichten markieren, warum er Ergänzungen und Wandel will“ (197). Zum Einrahmen schön. Die Begründung lässt dann auch nicht lange warten, wenn mit spitzer Feder Kirche als „Modernisierungsverweigerin“ bezeichnet wird, die „oft einem morphologischen Fundamentalismus huldigt“ (198). Aber missionarische Ausstrahlungskraft offensichtlich primär für die frischen Formen von Kirche zu reklamieren, unterschätzt, wie vielfältig, bunt und innovativ auch ortsgemeindliche Entwicklungsprozesse sind, die sich – Gott sei Dank – nicht immer nur im Milieu der bürgerlichen Mitte bewegen. Doch wo Spannungen austariert werden, können da und dort selbst kurzfristige Gleichgewichtsstörungen auftreten. Damit wird deutlich, dass der Autor nicht abständig, sondern mitten aus dem Geschehen heraus schreibt – engagiert, kompetent und daher bei aller Wertschätzung für das Alte ein deutlicher, wenngleich nicht unkritischer Anwalt des Neuen. In dieser Sympathie für die neuen Formen und deren lebensweltliche Ansätze kann ich ihm nur zustimmen. Die traditionellen Formen von Gemeinde müssen wahrlich nicht unter Artenschutz gestellt werden, während Freiraum und Ressourcen für Innovation und Experiment dringend geboten sind. Dieser Perspektive kann man sich mit dem Verfasser auch über klassisch protestantischer Differenzlogik nähern: „Wir müssen die Differenz von Gemeinde und Kirche vor Augen behalten. Dann bleibt immer auch Raum für noch einmal Anderes und Neues, Frisches“ (205). Ich würde ergänzen: Dies gilt erst recht für die Differenz von Gemeinde/Kirche und dem Evangelium. Das ist nämlich extrovertiert – es hat es in sich, aus sich heraus zu gehen und immer wieder neu bewährte und ganz frische Formen zu kreieren. „Ist jemand in Christus, ist er eine neue Kreatur“ (2. Kor 5, 17) – warum sollte dies nicht auch für kirchliche Sozialgestalten und gemeindliche Ausdrucksformen gelten?
Bevor ich die schöne Netzwerkidee aufnehme noch ein Hinweis auf eine Lücke, die mir aufgefallen ist. Die regionale Perspektive bleibt beim Thema auf der Metaebene. Dass und wie Regionen ein kirchlicher Gestaltungsraum für die Ergänzung von traditionellen und neuen Formen sein und wie sie ihre Zukunft als Netzwerk unterschiedlicher  kirchlicher Orte entwickeln können, wird nur am Rande bemerkt. Hier würde meine Seminaridee ansetzen: Kirche als Netzwerk entdecken und weiter entwickeln. Ausgangspunkt: Welche unterschiedlichen Ausdrucksformen von Kirche und Gemeinde begegnen Menschen in unserer Region? Und dann: Weiter spinnen!

Philipp Elhaus
Haus kirchlicher Dienste, Hannover