„Wir machen das jetzt wieder selber: die Verwaltung von Kindertagesstätten und Friedhof. Wir schaffen wieder alles aus eigener Kraft. Mit der neuen Pfarrerin sind wir ja komplett!“ So atmen Kirchenvorstände hin und wieder auf, wenn eine lange Vakanz zu Ende geht. Die Pfarrstelle ist besetzt, alle Aufgaben können erledigt werden, die Gemeinde ist komplett.

Das Kapitel „Region und Parochie“ (119-142)  lockt den Leser auf ein umkämpftes Terrain. Ist nicht die Gemeinde am Ort die hinreichende Form von Kirche? Oder braucht es mehr „nichtparochiale“ Strukturen und regionales Miteinander, damit Kirche ihren Auftrag erfüllt?

Klärungen helfen. Am Anfang (119ff) steht der biblische Befund zu „ekklesia“. Der Begriff streckt sich über den Horizont der einzelnen Ortsgemeinde auf die Gemeinschaft der Christenheit hinaus. Er erinnert an die geistliche Dimension, durch die Gemeinde geformt ist. Hilfreich ist die Aufklärung im Blick auf den „uneinheitlichen Sprach- und Rechtsgebrauch“ (123), wenn von der „Parochie“ gesprochen wird: Das geht vom Sprengel bis zum Kirchspiel. Die Zuspitzung auf die „Ortsgemeinde“ schafft Präzisierung.

Die Ortsgemeinde als Parochie erscheint „als Erfolgsmodell mit genetischen Grenzen“ (128). Gezielte Impulse zu regionaler Zusammenarbeit sind sinnvoll. Es gibt aber auch Handlungsfelder, in denen die Parochie als Gestaltungsraum weiterhin erfolgreich bleibt. Am Horizont zeichnet sich ein regionales Miteinander von Ortsgemeinden ab, die für sich keineswegs „komplett“ sind, sich aber durch Schwerpunktsetzungen gegenseitig ergänzen (137ff).

„Wir sind jetzt komplett“ – Insbesondere ehrenamtliche Gemeindevertreter neigen dazu, ihre Gemeinde so zu kennzeichnen. Würde ich ein Seminar mit Kirchenvorsteher/innen und Pfarrer/innen aus mehreren Gemeinden gestalten, würde ich auch die der regionalen Dienste und Werke einladen. Mein Einstiegsimpuls wäre: „Kirche Jesu Christi: Hier sind wir komplett – da bleiben wir Fragment – dort können uns andere helfen“.
Außerdem wäre mir ein weiterer Gedanke wichtig: „Gemeinde“ ist nur ein Brennpunkt von „Kirche“. In der lutherischen Tradition (CA V) ist das Amt (ministerium) der zweite Brennpunkt. Die Amtsträger/innen haben die Aufgabe, den Horizont hinaus auf das Miteinander in der Region zu weiten und den Blick auf das Gesamt der Kirche zu lenken. Die „Amtsträger“ würde ich fragen: „Wie kann ich als Pfarrer/in (Diakon/in, Religionspädagog/in) die Perspektive auf das Miteinander in der Region fördern?“

Dr. Volker Proebstl
Dekan des Dekanats Selb