Das Handbuch stellt einen kompakten und vielseitigen Zugang zur Thematik Mission und Region als Basisbegriffen kirchlicher Entwicklung dar. Es bündelt eine spannende Vielfalt von Themen und Aspekten, die die Arbeit des Kompetenzzentrums in den vergangenen fünf Jahren eindrucksvoll dokumentieren. Gleichzeitig ist es ein Entwurf, der zum Fragen und zum Gespräch anregt und hilfreiche Diskurse zur Entwicklung von Kirche vor Ort beinhaltet.
Das Kapitel 2 „Gesellschaft, Kirche, Region“ verortet sich nach dem einführenden Kapitel „Gestalten von Kirche in Bibel und geschichtlicher Entwicklung“ und vereinigt in sich verschiedene, hauptsächlich sozialwissenschaftlich orientierte Zugänge zu einer Analyse von Gesellschaft im Transformationsprozess einer Kirche, die in Modernisierungsvorgängen nach neuen Formen sucht, ihre Botschaft auszurichten und damit ihren Auftrag zu realisieren.

1. Wozu regt mich dieses Kapitel an? Was löst es bei mir aus?
Das Kapitel bietet ein breites und buntes Spektrum von Erkenntnissen unterschiedlicher Datensysteme empirischer Art über gesellschaftliche Entwicklungen, die die Kirche in ihrer Gestalt und in ihrem pastoralen Tun herausfordern und Fragen neu stellen lassen. Es wird dem Leser eine gut ausgewählte und spannend akzentuierte breite Palette an Akzenten aus der Humangeografie, mentalem Wandel, sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen und Reflexionen über Megatrends, Lebensweltforschung, Medienwissenschaft (digitales Zeitalter) geboten. Die Akzente fordern allesamt dazu heraus, kirchlich nicht so weiterzumachen wie bisher (Vgl. die 7 letzten Worte der Kirche: „Das haben wir schon immer so gemacht!“), sondern nach erneuertem (theologischen) Verständnis, erneuerten Formen von Gemeinschaft und erneuertem Handeln von Kirche zu suchen. Sehr deutlich wird der Zusammenhang von gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen (Freiheit, Pluralität, Säkularität) und kirchlichen Gestalten. Auf diesem Hintergrund erhebt sich die Frage, was eigentlich daran neu ist, wenn kirchliche Gestalt immer schon plural war. Das müsste dann auch historisch noch einmal deutlich werden, wie bestimmte Sozialgestalten von Kirche (z.B. Entwicklung von Mendikanten in den hochmittelalterlichen Städten) eine Reaktion auf gesellschaftliche Herausforderungen waren, und wie Pluralität (möglicherweise nicht so offensichtlich) immer kirchlichem Handeln inhärent war, und ob es dann in den vergangenen Jahrzehnten so etwas wie eine milieubezogene Verengung kirchlicher Gestalt(en) gegeben hat, deren Normativitätsanspruch sich heute als problematisch darstellt (Parochie). Auf einem solchen Hintergrund ist auch das „Missionarische“ nicht als ein Restituierungsprozess oder ein Rekrutierungsprogramm zu einer angeblich normativen Kirchengestalt zu sehen, sondern vielmehr als ein durch Sozialwissenschaft angeregter theologischer und pastoral-praktischer Diskurs, wie die Kirche in veränderten sozio-kulturellen Rahmenbedingungen ihrer Sendung („Mission“) möglichst authentisch nachkommen kann. Sie besteht darin, die Zuwendung Gottes zu allen Menschen, die von ihm her unwiderruflich und ohne Vorbedingungen (gratis) angesagt ist, erlebbar zu machen und Menschen zu einer (wie auch immer gearteten) Antwort auf diese vorgängige Berufung durch Gott (Missio Dei) zu motivieren.
Die Lektüre des Kapitels regt mich dazu an, gesellschaftliche Pluralität ernst zu nehmen, um neue Gestalten von Kirche zu entwickeln. Erst in der Weite einer Region erschließen sich die Synergien und durch Kooperation komplementärer Facetten die Darstellungsweisen des Evangeliums. Es müssen nicht alle das Gleiche machen, Uniformität wird der pluralen Wirklichkeit nicht (mehr) gerecht.
Die Fragen nach Zentralität und Dezentralität, die im Kapitel 2 humangeografisch angegangen werden, fordern mich dazu heraus zu fragen, was es theologisch bedeutet, wenn sich das Evangelium (und damit das Kirche-sein) von den Rändern her, also dezentral erschließt. Die damit verbundene Inklusion gilt es praktisch durchzubuchstabieren. Ob es gelingt, durch Einkäufe vor Ort anstatt im Zentralort oder im Internet bestimmte ökonomische Prozesse aufzuhalten, das wage ich zu bezweifeln, verbleibt m.E. aber auch auf der sozialwissenschaftlichen bzw. -ökonomischen Ebene.
Spannend finde ich die Überlegungen, wie die digitale Revolution je nach gesellschaftlicher Orientierung Veränderungen in Individuum, Verhaltensweisen und Sozialgestalten bewirkt und wie sich gegensätzliche Tendenzen zeigen (Inklusion und Exklusion, Globalität und Lokalität).

2. Was ist für mich offen, weiterhin ungeklärt?
Bei der Lektüre stellte ich mir einige Fragen, wo das Dargebotene m. E. weitergedacht werden könnte.
Das geografische Verständnis von Region wird zwar immer wieder mit kirchlichem Handeln zusammengebracht, verbleibt aber m.E. sehr auf der sozialwissenschaftlich-empirischen Ebene. Es kann nicht darum gehen, die staatliche Raumordnung relativ kritiklos zu übernehmen. Anders gesagt: Es wird das Bemühen spürbar, humangeografisch verstandene Region als Raum kirchlicher Betätigung nutzbar und fruchtbar zu machen. Dagegen ist grundsätzlich nichts zu sagen, ich vermisse jedoch – und dabei hilft mir auch wenig das biblisch-historische Kapitel 1 – eine theologische (nicht kirchenpolitische: kirchliche Regionentypologie) Reflexion dessen, was Sendung von Kirche ist und wie es zu einem theologischen Verständnis von Mission hier kommt, indem herausgearbeitet wird, was heute Evangelium heißt und in welcher Beziehung die Kirche und ihre Gestalt und ihr Handeln zu der vorgängigen Berufungs- und Befreiungstat Gottes steht. Auch der kurze Seitenblick in das ekklesiologische Kapitel 4 befriedigt mich da nicht wirklich. Die Ekklesiologie scheint mir nicht ausreichend theologisch verortet. Kirche als „institutionalisierte Sozialform von Religion“ (S.51) verbleibt auf einer sozialwissenschaftlichen Ebene und lässt viele Fragen offen. Wenn Gott selbst sein Reich in dieser Welt aufrichtet, stellt sich die Frage nach dem Beitrag, den die Gläubigen, die Kirche dazu leisten (Erschließung, Geburtshilfe, Zeugnis?). Damit verbindet sich dann der später bedachte Themenkomplex, wie das Evangelium sich in dieser Welt zeigt, wie Kirche also präsent werden sollte. Das Evangelium trägt biblisch betrachtet beides in sich: Zusage/Ansage des Heils und Herausforderung zur Umkehr. Wie man sich als Kirche in dieser Spannung zwischen positiver Aufnahme, Bestätigung, („Anpassung?“) und Alternative, Antithese („Widerständigkeit“?) verortet, hat direkte Auswirkungen auf konkrete Handlungsoptionen von Angebot und Herausforderung. Sicherlich braucht es beides, auch hier komplementär.
Wenn Kirche als „Institution der individuellen Selbstverortung eine vergemeinschaftete Form“ verleiht (S. 51) und dies als Ausdruck evangelischer Freiheit verstanden wird, muss ich dann nicht auch akzeptieren, dass Menschen ihrem Gottesverhältnis einen sehr spezifischen Ausdruck geben und ihren eigenen religiösen „Ort“ in der Gesellschaft einnehmen, der möglicherweise nicht vordergründig dem Evangelium Raum gibt, erst recht nicht einer bestimmten kirchlichen Gestalt Rechnung trägt? Wie geht institutionalisierte Kirche damit um? In welcher Form können dann „Vergemeinschaftungen“ aussehen? Was kann ich erwarten? Was muss ich angesichts einer säkularen Grundorientierung auch ertragen?
Die Einteilung der Orientierungen in prämodern, modern und postmodern ist zunächst einmal sehr hilfreich, um etwas zu verstehen. Schwierig wird es allerdings, wenn mit diesen Begrifflichkeiten ganze Konfessionen ein bestimmtes Etikett aufgeklebt bekommen. Entzieht sich eine Identifizierung von evangelischer Kirche und Modernität nicht der Pluralität von Orientierungen, die auch quer zu Zugehörigkeiten zu bestimmten Konfessionen liegen (Urbi et orbi als Beispiel für angenommene Uniformität S. )? Wo findet der je Einzelne quer zur Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen und Milieus seinen Ort in dieser Systematik? Gibt es nicht biografische Entwicklungen und persönliche Mischformen? Und weiter: Können die Orientierungen so klar voneinander abgegrenzt werden? Liegt nicht das Eigentliche der Postmoderne darin, dass prämoderne und moderne Orientierungen sich auch in ihr als „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (Michael Hochschild) in einer „multiplen Moderne“ (Karl Gabriel) realisieren? Die Beschreibung der unterschiedlichen Orientierung in postmoderner Zuspitzung führt somit noch zu einer weiteren Frage: Wie kann man angesichts der sich daraus ergebenden Meinungsverschiedenheiten und Ausdrucksformen noch im Dialog bleiben über folgende Fragen: Was ist Wahrheit? Wie zeigt sich das Evangelium? Was ist die Kirche und wie soll sie handeln? Von hier ergibt sich die Anfrage, ob kirchliche „Entwicklung“, begriffen als ein linearer, gestalt- und steuerbarer Wandel kirchlichen Selbstverständnisses und kirchlicher Organisations- und Praxisrealität in seinen vielen Teilen überhaupt möglich ist.
Das Kapitel nimmt Pluralität in der Gesellschaft und die Pluralität kirchlicher Akteure ernst. Die Frage nach den Grenzen der Pluralität wird zwar aufgeworfen, aber nicht beantwortet. Damit und mit dem gewandelten Verständnis von Kirche ergeben sich weitere Fragen: Wer sind die Akteure von Kirche, wenn Kirche hauptsächlich unter den marktförmigen Prämissen von Dienstleiter und Kunde gesehen wird (S.66). Wie ist der Dienstleitungsaspekt mit den theologischen Kategorien von Berufung zum Glauben und daraus erfolgender Befähigung und „Verpflichtung“ zum Zeugnis (Kirche als gesamtes Gottesvolk: Gemeinsames Priestertum) zusammenzudenken? Praktisch: Wer stellt zukünftig angesichts schwindender hauptberuflicher Ressourcen das „Angebot“ (?) kirchlicher „Dienstleistung“ sicher? Wie verhält sich eine „Dienstleistungsagentur dazu, dass sie eigentlich eine Bekenntnisgemeinschaft sein will, ohne hier gleich dem Aktivitätserfordernis vergangener Gemeindetheologie („Die Gemeinde sind die Aktiven!“) zu verfallen. Von hierher ergeben sich Fragen an neue Rollen von hauptberuflich in der Kirche Tätigen (Wer ist das noch außer den Pfarrern?) und dem, was Gott seinem Volk als Gnadengaben schenkt (Charismen als Horizont eines neuen Verständnisses von „Ehrenamt“).
Auch die Milieuperspektive ist hilfreich, um gesellschaftliche Orientierungen und Distinktionen zu verstehen und möglicherweise zu begreifen, warum Menschen auf ein in einer bestimmten Art und Weise gemachtes kirchliches Angebot reagieren oder nicht. Insofern schärft die Lebensweltperspektive die Wahrnehmung gesellschaftlicher Pluralität. Zu Recht wird jedoch auf die Grenzen hingewiesen, wenn es darum gehen sollte, Botschaft des Evangeliums oder kirchliche Angebote jeweils in 10 verschiedene Milieupäckchen zu verpacken und angemessen „anzubieten“. Verbleibt diese Logik nicht zu sehr in einer Vorstellung, dass kirchliche Präsenz und Verkündigung das Ganze des Evangeliums repräsentierten, gleichsam gepachtet hätten? Was würde sich in der Kirche verändern, wenn man davon ausginge, das Missionarische bestünde darin, dass wir das, was von Gott her „Evangelium“ meint, von den verschiedenen Milieus her lernen (prophetische Dimension der Milieus). Dann müssten wir Formate gegenseitiger Gastfreundschaft entwickeln, die Botschaftern im Sinne von Kundschaftern angemessen wären. Bedeutet das nicht eine grundlegende pastorale „Umkehr“, Gott nicht als Besitz der Kirche zu verstehen, den man anderen mitbringen könnte („Taschengott“)? Heißt dies nicht vielmehr eine Kirche zu werden, die sich überraschen lässt von der Tatsache, dass Gott schon da ist, weil er „schneller ist als der Missionar“ (Leonardo Boff), eine Kirche, die sich überraschen lässt von der Vielfalt, wie Gott sein Heil in unserer Zeit in Gang bringt, biblisch gesprochen: wie das Gottesreich verborgen wächst (Mk 4,26-29)?
Drei kleine Bemerkungen zum Schluss:
Glaubenskurse werden als Teil eines evangelischen Bildungsprogramms thematisiert. Natürlich hat der christliche Glaube Inhalte, die man kennen und wissen kann. Dabei ist jedoch eine Elementarisierung anzustreben; nicht alles ist gleich wichtig und gleich-gültig. M.E. ist es jedoch wichtig, in Glaubenskursen vorrangig die personale Dimension des Glaubens als Ausdruck eines personalen Verhältnisses zu Gott zu stärken. Ziel sollte neben dem Glaubenswissen sein, diese innere Dimension des Glaubens: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit all deiner Kraft“ Dtn 6.4) zu entwickeln und zu festigen. Dabei können sich Menschen, die auf dem Weg des Glaubens schon unterschiedlich weit gegangen sind, gegenseitig Zeugnis, Hilfestellung und Bestärkung geben. Glaubenskommunikation sollte aus der asymmetrischen Beziehung des „defizitären“ Lernenden zum „wissenden“ Lehrenden in die Dynamik des sich durch plurale und biografisch verortete Glaubenserfahrung gegenseitig bereichernden Gottesvolks führen. Wenn dieser Prozess der Mystagogie (Glauben und Leben zusammenbringen) gelingt, wächst auch das Interesse, mehr über den Glauben und seine Inhalte zu erfahren. So verschränken sich synchrone (Kirche in der Glaubenskommunikation aktuell hier und jetzt, die sich in der Schrift als gemeinschaftlichem Glaubenszeugnis spiegelt, Bibelteilen) und diachrone Aspekte (Theologie, Mystik und Kirche in der Geschichte) der Glaubensbezeugung.
Ist der Unterschied zwischen Stadt/Land theologisch signifikant? (Bsp. die Kooperation ist auf dem Lande nötig, weil die Akteure weniger sind (S.56f). Gilt dies nicht auch in der Stadt? Stimmen Stadt und Land nicht darin überein, dass die Gestalt und Praxis der Kirche von den sozialräumlichen Herausforderungen, die halt jeweils anders sind, ausgehen müssen und sich von dort her dann unterschiedliche Bezeugungsgestalten (vgl. „Inkulturation“ als missionswissenschaftlicher Zentralbegriff) ergeben.
Welche Anregungen praktischer Art eines Kompetenzzentrums braucht es? Die praktischen Seh- und Gehhilfen (2.10.) sind sicher ein mögliches Angebot, vor Ort zu einer spezifischen Kirchengestalt zu kommen. Je kleinteiliger jedoch ein Aktionsprogramm vorgeschlagen wird, desto mehr verstellt es den Blick auf die theologischen Herausforderungen, denen sich kirchliche Aktionsformen vor Ort in veränderter Weise stellen müssen. Zentral bleibt: Wie kann dem Evangelium Raum gegeben werden? Wie können andere und wir selbst ihm Gestalt geben?

3. Mit welcher These steige ich in einem Seminar zum Thema des Kapitels ein?
Angesichts der veränderten sozio-kulturellen Bedingungen ist die Gestalt von Kirche jeweils vor Ort neu zu entwickeln und kann daher sehr unterschiedlich sein. Mit dieser Darstellung des Evangeliums und der Suche nach ihm (!) verwirklicht sie ihre Mission (Sendung).

Dr. Hubertus Schönemann,
Leiter der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral, Erfurt