Das Kapitel regt mich dazu an, erneut über die essenziellen Faktoren, die eine Region bestimmen, nachzudenken.
Der konstituierende Faktor für regionale Konzeptionen ist Nähe. Nähe ist vordergründig räumlich bestimmt, beruht aber im Wesen auf (potenzieller) Interaktion. Da Interaktion grundsätzlich medial vermittelt ist, verändert sich mit der Verfügbarkeit von Medien auch die Wahrnehmung von Nähe.
Im Bereich der Kirchen finden wir eine traditionelle parochiale Struktur. Darin ist zuvörderst die Erfahrung verarbeitet, dass Kommunikation und Interaktion, die für kirchliche Arbeit benötigt werden, räumliche Nähe unbedingt erforderten, als technische Kommunikationsmittel noch nicht massenhaft zur Verfügung standen.
Zum zweiten ermöglicht die territoriale Ordnung die klare Abgrenzung von Zuständigkeiten. Wo Territorium B beginnt, muss Territorium A enden. Die klare Abgrenzung von Zuständigkeiten ist ein wichtiges Instrument zur Reduzierung von Konflikten. In dieser Hinsicht können territoriale Konzeptionen auch heute noch attraktiv sein. Solange die territorialen Grenzen zugleich auch Grenzen für Kommunikation und Interaktion darstellen, überwiegen vermutlich die Vorteile einer parochialen Struktur.
Mit der massenhaften Verfügbarkeit von technischen Kommunikationsmitteln und Verkehrsmitteln vermindert sich allerdings die Bedeutung von territorialen Grenzen signifikant. Die grenzübergreifend entstandenen menschlichen Bindungen können in einer parochialen Konzeption kaum noch angemessen abgebildet werden. Für kirchliche Arbeit sind sie aber von entscheidender Bedeutung.
Wenn eine regionale Konzeption lediglich zu einer Erweiterung eines Territoriums bei unveränderter Organisation und Struktur führt, wie das bei Fusionen von Kirchengemeinden oder von Kirchenkreisen/Dekanaten häufiger der Fall sein dürfte, kann sie die veränderten Bedingungen für die Entstehung menschlicher Bindungen nicht angemessen aufnehmen. Deshalb ist es unerlässlich, bei der Gestaltung von regionaler Kooperation darauf zu achten, welchen veränderten Bedingungen von Kommunikation und Interaktion eine neu zu schaffende Struktur Rechnung tragen muss.
Es ist zum Beispiel zu fragen, wie durchlässig die Grenzen von Regionen zu denken sind. Können und sollen sich Regionen territorial überschneiden? Kann es Regionen unterschiedlichen Typs (beispielsweise „territoriale“ und „virtuelle“ Regionen) im gleichen Kirchenkreis/Dekanat geben? Sind Regionen möglicherweise sogar polyzentrisch in dem Sinne zu denken, dass die jeweiligen Zentren jeweils eigene Regionen mit unscharfen Grenzen definieren? Und wie könnte in derart strukturierten Regionen die kirchliche Arbeit effektiv organisiert werden?
Für eine Weiterentwicklung des Konzepts „Region“ wäre es ferner interessant, die konstituierenden menschlichen Empfindungen im Zusammenhang mit der Auffassung von Nähe und Distanz zu untersuchen. Es könnte hilfreich sein, einen Faktor der „empfundenen Nähe“ genauer zu bestimmen. Es ist anzunehmen, dass dabei entwicklungsgeschichtlich ältere Konzepte, die durch den zwingenden Zusammenhang von geringem physischem Abstand und Kommunikation geprägt sind, eine entscheidende Rolle spielen.
Meine Vermutung ist: Hindernisse bei der Entwicklung von regionaler Kooperation beruhen häufig auf unbewussten „inneren Bildern“; gelingt es, diese inneren Bilder bewusst zu machen und zu bearbeiten bzw. zu erweitern,  dürfte in vielen Fällen eine Verbesserung der regionalen Kommunikation und Interaktion erreicht werden.
Eine weitere Frage: Sind Widerstände gegen regionale Kooperation eher in einer allgemeinen Angst vor Veränderung oder eher in einer realistischen Einschätzung der Nachteile eines solchen Ansatzes begründet? Für die Vorbereitung von regionaler Kooperation benötigen wir ein „Befürchtungsmanagement“, in dessen Rahmen die bei den Beteiligten vorhandenen Befürchtungen ihrem Charakter nach analysiert und nötigenfalls durch geeignete Vereinbarungen entkräftet werden.

Meine Einstiegsfrage für ein Seminar zum Thema des Kapitels könnte lauten:
Regionen werden nicht in erster Linie durch räumliche Faktoren konstituiert, sondern durch Kommunikation und Interaktion sowie Strukturen, die beides ermöglichen. Wie bestimmen wir im Sinne dieser These die Größe einer Region und ihre Grenzen? Welche Strukturen benötigen wir in der Region?

Philipp Meier
Superintendent des Kirchenkreises Hameln