„Subjektiv empfundene Überlastung“ habe ich bisher genannt, was ich an mir und anderen wahrgenommen habe: Die Erschöpfung von nicht selten hyperaktiven Haupt-und Ehrenamtlichen  und eine sich trotzdem oft blutleer zeigende Kirche. Sich persönlich und als Organisation einerseits in Äußerlichkeiten und Eitelkeiten ergehend, andererseits gelähmt und im Kern austrahlungsarm und müde. Eine subjektiv empfundene, und damit tatsächliche Überlastung. Aber auch irgendwie nicht objektiv. Denn die Gründe verschwimmen nicht selten, wenn man sie mit Verhältnissen, Zahlen und Arbeitsweisen vergangener Zeiten vergleicht. Oder doch nicht? Noch nie wurde so viel reflektiert, Verschiedenes, auch Kreatives versucht, investiert und auf die Beine gestellt. Am Fleiß liegt es meist nicht. Auch nicht an den Fähigkeiten.
Nun kommt es klarer zu Tage. Die „trübe gewordene Medaille“ hat zwei Seiten! Und es wäre eine halbe Sache, nur eine Seite zu polieren.
Da sind die objektiven Faktoren. Also z.B. die Risikofaktoren für einen persönlichen oder gar einen organisationalen Burnout. Also soziale Naturgesetzmäßigkeiten, die weder ein Privileg von Kirche in aktuell noch nie dagewesen schwieriger Lage (!) sind, noch vor deren Toren etwa aus gebotenem Respekt halt machen, so wenig wie der Apfel in einer Pfarramtskanzlei nach oben fällt.
Nun können wir, dank Kapitel 10, aber besser eigene Fehlentwicklungen in Theologie und Kirche erkennen, analysieren und damit auch objektivieren. Z.B. zelebrierte Leistungsschauen statt sola gratia, die Pastorenkirche als Form deutschen  „Chefarztgehabe“ statt  Priestertum aller Glaubenden oder wenigstens gabenorientiertes Teamwork nach 1Kor12 zu leben.
Aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist unsere spirituelle Verkümmerung, aus der wir oft keinen wirklichen Halt mehr erfahren. Irgendwann war da ja auch bei uns einmal der Funke. Doch dann haben auch wir unsere Tradition der westlichen Kirchen verinnerlicht. Also zu lehren und zu erklären, aus Kirchen Belehrungshäuser zu machen statt dort den Glauben zu üben und erlebbar zu machen. So, wie man die Dankbarkeit, die einen selber durchs Leben tragen kann, auch nicht nur anmahnen und eintrichtern, sondern, wie es die schöne Wortverbindung nahelegt, nur üben kann.
Dass urchristliche, alte mönchische Erfahrungen, Meditationstechniken und Erkenntnisse mit modernen psychologischen und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen derweil frappierend untersetzt und erklärt werden können, muss man erstmal wahrnehmen. Um sie dann aber auch endlich wieder zu üben. Einzeln und gemeinsam. Nicht als fernöstliche, sondern anvertraute urchristlich Gaben.

Als These: Heute mit einem „Fröhlichen Dennoch“ in der Kirche leben und arbeiten zu können, setzt voraus: Soziale Gesetzmäßigkeiten auch in der Kirche erkennen und objektiv bearbeiten sowie Glauben (Vertrauen) wieder subjektiv üben, üben, üben.

Matthias Weismann
Superintendent des Kirchenkreises Leipziger Land